Bienvenue chez les Ch’tis

Der Herm und Philipp Köster waren in Lille. Fußball gucken. Was sie von dort berichten, bereitet mir körperliche Schmerzen. Ich hole aus:

Im Jahr 2013 wurde unser Sohn geboren, haben wir uns eine Wohnung gekauft und sind im Sommer zuhause geblieben. Ich hasse es, im Sommer zuhause zu bleiben. Im Jahr darauf wollte meine Frau nach Belgien oder Holland, ich an die Côte d’Azur. Da der Kleine damals noch sehr klein war, musste ein Kompromiss her:

Nord/Pas-de-Calais. Noch Flandern, aber schon Frankreich.

Genauer: Bergues. Wie sich herausstellte, handelte es sich um das Örtchen, in dem der Film „Willkommen bei den Sch’tis“ spielte und gedreht wurde. Es war großartig öde dort, das Meer war aber mit dem Auto sehr schnell zu erreichen und Tagesausflüge an die Côte d’Opal, nach Lille und Amiens machten diesen Kompromissurlaub sehr schön.

Was diesen Urlaub aber ganz besonders gemacht hat, war die Begegnung mit der Geschichte: Der nächste Strand von Bergues, das von den Deutschen zweimal zerstört wurde, befand sich in Zuydcoote. Von diesem Ort wurden während der sogenannten Schlacht von Dünkirchen im Juni 1940 die letzten englischen und französischen Truppen evakuiert. Viele kamen dabei um oder gingen in Kriegsgefangenenschaft. Danach besetzten und befestigten die Deutschen die Küste. Was man heute noch sieht:

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Foto: Matthias Schumacher. CC-BY-NC-SA
Überall trifft man in malerischer Gegend auf Beton.

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Foto: Matthias Schumacher. CC-BY-NC-SA
Und dann wird man demütig. Zwei Generationen vor mir meinten Deutsche, das Recht zu haben in Frankreich einzumarschieren, die Menschen zu vertreiben, zu versklaven oder umzubringen und um das Erreichte (pah!) zu sichern, gruben sie alles um und markierten ihr Revier mit deutschem Beton.

Beeindruckend auch der Besuch im „In Flanders‘ Fields“-Museum in Ypern. Einem Museum, das den Schrecken des Ersten Weltkriegs eindrucksvoll zu vermitteln versucht. Schlamm, Gas, Tod.

Als wir in Lille müde wurden und gegen unsere Gepflogenheiten in einem Restaurant direkt am  zentralen Platz essen wollten, wurden wir sehr, sehr nett bedient. Unser kleiner Sohn war der König, der Kellner unterhielt sich mit uns und fand es überhaupt nicht schlimm, dass meine Französisch nicht existent ist.

Dieses Lokal habe ich in den letzten Tagen in den Medien gesehen, als sogenannte Hooligans es zerlegt haben. Es bereitet mir körperliche Schmerzen, wenn meine Landsleute in einer Gegend, die mich herzlich aufgenommen hat, obwohl meine Vorfahren ihrem Land und ihren Vorfahren schlimmsten Schaden zugefügt haben, „wieder einmarschieren“. In eine Gegend, in der man die Geschichte überall vor Augen hat. Dass es keine Neonazis, sondern  besoffene Normalos gewesen sein sollen, ist einerseits unfassbar, andererseits so beschämend, dass es fast wieder egal ist.


Ich war vor ein paar Jahren in Spanien und musste in Mallorca umsteigen. Auf dem Heimflug saß ich inmitten einer Gruppe von ordentlich angetüterten Frauen mittleren Alters, die erst still wurden, als es Turbulenzen gab. Keine von den Damen hatte vorher irgendwelchen rechten Mist von sich gegeben. Sie waren zwar peinlich und laut, aber nicht böse. Muss wohl ein Männerding sein.

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