Der Atlantik in Zeiten des Wahnsinns

Am 14. Juli schlugen wir unser Zelt in Südwestfrankreich in unmittelbarer Nähe des Atlantiks auf. Am nächsten Morgen öffneten wir unsere Augen unter strahlend blauem Himmel und strahlend grünen Pinien. Laut Smartphone, das man dann doch dabei hat, ist am Abend vorher ein Wahnsinniger in eine Menschenmenge gefahren und hat viele Menschen umgebracht. Entsetzen. Frühstück. Strand.

So ging das dann weiter. Gefühlt jeden Morgen eine neue Verrücktheit. Erdogan, München, Ansbach, Würzburg und zum Schluss irgendwas in Nordfrankreich. (In der dritten Nacht ist nichts passiert, aber da bekamen wir neue Zeltnachbarn, die mit dem Saufen und Reden erst aufgehört haben, als sie bewusstlos wurden.)

Ich fand es sehr gut, über die jeweiligen Ereignisse kurz informiert zu sein, den Kopf zu schütteln und betroffen zu sein, dann aber zur Tagesordnung überzugehen, ohne mit dem ganzen Plattgewalze, der Sondersenderei und Brennpunktierung konfrontiert zu werden. Das letzte Ereignis, von dem ich auf der Rückreise erfuhr, war eben nur noch „irgendwas in Nordfrankreich.“

https://www.facebook.com/plugins/post.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fhauckundbauer%2Fposts%2F1235291699838557%3A0&width=500

Für mich ist die Eilmeldung aufs Handy ein prima Erfindung: Sie informiert mich darüber, wenn ich das Internet und den Fernseher ausgeschaltet lassen sollte. Oder wie es Lukas Heinser auf den Punkt bringt:

„Ziemlich exakt seit es mir technisch möglich wäre, mich in Echtzeit selbst über Ereignisse zu informieren, noch während sie passieren, wünsche ich mir, darüber im Geschichtsbuch lesen zu können. Mit allen Erkenntnissen, die im Laufe der Jahre gewachsen sind, mit historischer Einordnung und in genau dem Umfang, der ihnen angemessen ist: Doppelseite, halbe Seite, kleiner Kasten, Fußnote.“

(Dass ich nicht vollkommen abgestumpft und zynisch geworden bin, zeigt mir der Tod eines Bloggers, dem ich auf Twitter folgte und der mir merkwürdigerweise zuerst folgte, obwohl ich mit momentan 68 Followern gerade so über dem Eierkopfstatus rangiere; der Tod dieses Mannes hat mich wirklich getroffen. Es wäre mir in den Wochen zuvor technisch möglich gewesen, ihm eine persönliche Nachricht zu schicken: „Hey, ist bei dir alles klar? Und wenn nicht, hast du jemanden, an den du dich wenden kannst?“)

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