Meckern über Bücher III

Zwei Dinge vorab: Ich bin kein Historiker. Auch wenn ich das vielleicht im Suff oder in ähnlichen Situationen erwähnt habe oder noch erwähnen werde. Ich habe sechs Semester Geschichte studiert und habe es geliebt: Diese herrliche Bibliothek in der Rostlaube (jaha, ihr jungen Dinger, das Friedrich-Meineke-Institut der FU Berlin war ganz früher in der Rostlaube). Ihre verschlungenen Wege und ihre Nischen und Ecken. Jeden Tag war ich dort und habe dicke Bücher gelesen. Es war ein Traum. Dummerweise ist das zwar eine der Hauptarbeiten eines Historikers, aber nicht die einzige. Eine andere ist zum Beispiel das Schreiben. Ich habe nichts geschrieben. In 6 Semestern habe ich von den für das Grundstudium geforderten 6 Scheinen nur die zwei Grundkursscheine gemacht, für die ich nur ein Referat halten musste. Ich bin kein Historiker.
Zweitens: Ich liebe Dokus. Hätte ich ein Terra-X-T-Shirt, ich würde es tragen. Ungefähr 98% meines beträchtlichen Totwissens (Fakten, die kein Mensch braucht, die ohne Kontext auch völlig wertlos sind, also alles was im Wald meines Gehirns so herumliegt und vor sich hin rottet) beziehe ich aus Dokus. Phönix und Arte habe ich auf Programmplatz zwei. 3Sat auf drei. Manchmal schaue ich sogar die Hitler-Dokus auf N24, obwohl ich die Nase rümpfe. Hauptsächlich, weil ich sie schon auswendig kann. Meine Helden heißen nicht mehr Kirk Hammett, Tom Araya, oder Debbie Harry, nein, ihre Namen lauten Alexander Demandt, Sönke Neitzel und Brigitte Hamann.

Und eben Ian Kershaw. Dessen Buch heißt in der deutschen Fassung „Höllensturz“ ist bei der dva erschienen, sieht schick aus und ist ein Topbestseller. Jeder liest es oder hat es gelesen, so dass dieser Artikel nur dazu dient, meine Meinung kundzutun, nicht wirklich zu informieren. Es hat 703 Seiten plus Karten und Bibliografie, die so stattlich ist, dass ich mich gleich an meine Zeit als studentische Hilfskraft erinnert habe, als ich tonnenweise Titel aus dem Internet gezogen habe und sie unkritisch meinem Professor hingelegt habe und er sie ebenso unkritisch an seine Studenten ausgeteilt hat. Um es so zu machen, wie es mir bisher nicht gelungen ist, nämlich kurz: Das Buch hat mir sehr viel Spaß gemacht. Es war leicht zu lesen und ich wusste schon alles. Es hat mich in meiner Klugheit und in meiner Kenntnis der historischen Abläufe von 1914–1949 bestätigt. Toll, nicht?
Nein, nicht toll. Wenn jemand 700+ Seiten in ein Buch schreibt und ich, der ich kein Historiker bin, wie ich vielleicht schon erwähnt habe, nichts Neues lernt, dann ist das nicht toll. Das Buch ist eine gedruckte Doku. Es ist nett, es unterhält und ja, man verblödet nicht sofort, weil es doch besser ist, als Pokemon zu spielen und es ist ein wirklich schönes Buch, aber irgendwie befriedigt das selbst mich nur so halb.
Ich habe aus dem Buch gelernt, dass das Deutsche Reich nach dem Krieg von der Inflation relativ angetan war, weil die Waffen und die Feldzüge mit Kriegsanleihen finanziert waren und 1000.000.000 Reichsmark zur Not auch hätten als halbes Pfund Butter ausgezahlt werden können. Das war es aber.
Ansonsten keine neue Theorie. Nichts. Auch der behandelte Zeitraum: Ich fand das zuerst interessant, dass er über die Zeit 1914–1949 schreibt und nicht mit „Und dann schoss sich Hitler in den Kopf“ endet. Aber auch die Nachkriegsjahre werden so schnell abgehandelt, dass man sie so wie sie sind im zweiten Teil als Wiederaufgriff des ersten abdrucken könnte.
Es hatte mich schon am Anfang enttäuscht, dass „Höllensturz“ einfach nur de erste Teil einer großen Darstellung des „kurzen 20. Jahrhunderts“ ist. Dass es also wieder am Ende des „langen 19. Jahrhunderts“ aufhört. Vielleicht ist diese Betrachtung ja für Historiker unumstößlich, aber sie langweilt mich. Es ist zudem sehr wirtschaftslastig. Die Grundaussage scheint zu sein: Wenn es wirtschafltich nicht so läuft, kommen Faschisten an die Macht.
Was mich aber regelrecht wahnsinnig gemacht hat, war die deutsche Übersetzung und sein Stil. Ich mag ja auch Einschübe wie oben:

Wenn jemand 700 Seiten in ein Buch schreibt und ich, der ich kein Historiker bin, wie ich vielleicht schon erwähnt habe, nichts Neues lernt, dann ist das nicht toll.

Aber irgendwie habe ich sehr oft das Gefühl gehabt, in Text und Übersetzung sei nicht die nötige Liebe und Sorgfalt geflossen.

 

Ironie? Britischer Humor? Ja, gerne immer. Oder lieber doch nicht immer:

 

Wie immer, wenn ich hier über Bücher meckere, munkele ich, dass Gewinnstreben über Sorgfalt geht:

Ich will nicht sagen, dass ich nie geschlampt und unordentlich redigiert hätte, aber dieses Buch ist von der Creme der englischen Historikergilde gelesen, von drei Personen übersetzt und mit der Deutschen Verlags-Anstalt auch nicht von irgendeiner Dissertationsklitsche publiziert worden, da hätte man noch einiges ausbügeln können.

 

Mein Resümee: Dieses Buch habe ich gerne gelesen, es hat mich gut unterhalten. Kauft es ruhig. Es hat auch ein Lesebändchen. Wenn ihr Historiker seid, kauft es euch auch. Hört bloß nicht auf mich.

I. Kershaw, Höllensturz, dva, 2016, 764 S.

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3 Gedanken zu “Meckern über Bücher III

  1. Hm. Ja nee danke. Ich glaube, ich hab schon mal einen oder zwei Bestseller gelesen. Aber die sind nicht für mich. Ich sag das gar nicht so in der Arroganz des Hipsters. In anderen Bereichen höre ich gern auf die Mehrheit. Und Song of Ice and Fire find ich auch toll, und die Serie dazu sogar auch. Dazu steh ich dann.
    Aber insgesamt, nee, keine Bestseller für mich. Und solche schon gar nicht.

    1. Ich bin zumindest vorsichtig. Mich hat das auch alles nicht überrascht. Im Gegenteil mir war nach Geschixhtswälzer, den man trotzdem schnell durchliest.
      Song of Ice ans Fire habe ich im vierten Band abgebrochen. Es hat mich plötzlich gar nicht mehr interessiert. Von der Serie habe ich die erste Staffel gesehen und fand es so joa. Aber ich finde Fernsehserien immer so joa.

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