Schlemmen mit Gerard Depardieu

Ich liebe diese Sendereihe, die momentan auf arte läuft, aber auch jederzeit im Internet abrufbar ist. Es ist Herbst und wenn ich nicht lese, schreibe oder Metal höre (Dazu doch nichts später), schaue ich, wie der Schauspieler Gerard Depardieu („Weltenbürger und Bonvivant“) mit seinem Freund, dem Koch Laurent Audiot durch den Matsch verschiedenster kulinarischer Regionen Europas stapft.

Sie lernen dort die einfachen, aber guten Zutaten regionaler Küche in grandiosen Landschaften kennen. Und treffen – ich hätte beinahe geschrieben: überfallen – dazu die Produzentinnen und Köchinnen der Gegend.

Warum ich das so gerne gucke? Zum einen die Landschaft. Wer die Sonntagsfilme im ZDF oder Tour de France wegen der Landschaft guckt, kommt hier voll auf seine Kosten. Zum anderen das Essen. Es sind immer die einfachen, aber guten Zutaten, die zu einfachen, aber köstlichen Gerichten verarbeitet werden.

Herrlich aber ist das Auftreten Depardieus: Als Bonvivant, was wohl französisch für „der Mann, der immer säuft und frisst“ ist, trampelt er in einer Art, die selbst die zurückhaltendsten Zuschauer als vollkommen geisteskrank bezeichnen müssen, durch Europa. Man kommt vor Entsetzen manchmal gar nicht dazu, etwas wie Fremdscham zu empfinden. Der Höhepunkt der Sendung sind aber die Gesichtsausdrücke der Menschen, die von Depardieu angebrüllt, umarmt und abgeküsst werden. Wie sie blicken, wenn er schwitzt, Grimassen zieht und Anekdoten erzählt, die entweder überhaupt nichts mit dem Essen zu tun haben oder nur zeigen sollen, dass er etwas besser weiß.

Schauen Sie sich das bitte an. Schöne Länder, gutes Essen und ein vollkommen gestörter Depardieu, das gibt es im Fernsehen kein zweites Mal.

Schlemmen mit Gerard Depardieu auf arte.

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Meckern über Bücher II

Es ist Herbst. Das Wetter wird nasser, das Laub bunter, ich höre Black Metal (dazu später) und ich lese tolle Bücher, über die ich dann doch wieder meckern muss. Heute: Wolfgang Herrndorf, Diesseits des Van-Allen-Gürtels, rororo Taschenbuchdings, 8. Aufl. März 2015.

Ein großartiges Buch, über dessen Inhalt ich nur Elogen in höchsten Tönen von mir geben kann. Wolfgang Herrndorf als klug, witzig und stilistisch anbetungswürdig zu bezeichnen, hieße jedoch zu viele Adjektiv zu benutzen und Holz in den Wald tragen.

Worüber ich mich geärgert habe: Muss man ein so tolles Buch in eine so scheusslich billige Hülle stecken:

#reading

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Der fallende Mann in Nadelstreifenhose! Dessen Gesicht vom eigenen Arm verdeckt wird. Dieses Bild schreit so sehr nach kostenlosem Testaccount bei einem Stockfoto-Onlineanbieter, dass ich gar keine Lust habe, mich zu fragen, ob der Typ für den Inhalt noch eine Rolle spielen wird. Der Hintergrund: Wolken. Tja-ha. Total witzig. Der Mann fällt aus allen Wolken. Hihi.

Die wirkliche Beleidigung: Die weinrote Groteske für den Namen und Serifen für den Titel. Wer macht so etwas?

Jemand der schnell viel Geld machen will, aber kein ordentliches Gehalt an Menschen zahlt, die das besser könnten? (ICH könnte das besser.) Jemand, der sich dann aber hinsetzt (in Talkshows, Podiumsdiskussionen oder an Stammtische) und darüber klagt, dass keiner mehr liest, dass das E-Book ja die Literatur trivialisiere und dass das Geld ja immer knapper werde, jetzt wo die VG-Wort ja nicht mehr ungestört das Geld, das den Autoren zusteht, herüber schaufelt?

Natürlich könnte man das als „Kapitalismus, halt“ mit der Schulter weg zucken. Aber hier wird ein Kunstwerk banalisiert, für den Bücherschrank oder sogar die Mülltonne vorbestimmt. Und darüber ärgere ich mich.

Suhrkamp und Voltaire

Ich habe gestern in einer Bahnhofsbuchhandlung ein Buch gekauft. Mit rotem Aufkleber „Der Bestseller aus Frankreich“ und mit modernem, schickem Cover. Der Text selbst ist 250 Jahre alt. Es handelt sich um Voltaires „Über die Toleranz“, eine Schrift, die nach den Anschlägen auf die Macher der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo zum Bestseller und Mahnmal gegen den islamistischen Terror geworden ist.

Voltaire schreibt über Vorgänge seiner Zeit, in denen ein hugenottischer Familienvater in Toulouse aufs Grausamste ermordet wird. Weil er Protestant ist, weil das in der Mehrheit katholische Volk meint, er habe seinen Sohn aus religiösen Gründen umgebracht, und weil dieses Volk die Richter zu einem solch bestialischen Urteil anstachelt: Der 68jährige Mann wird gefoltert, gerädert, erdrosselt und schließlich verbrannt. Dabei hatte sein Sohn für alle offensichtlich Selbstmord begangen: Die Türen waren verschlossen, es fehlten sämtliche Spuren eines Kampfes.

Voltaires Text über Fanatismus und Toleranz ist großartig und tatsächlich aktuell, vor allem dieser Satz:

„Es scheint, als ob der Fanatismus, aufgebracht über die kleinen Fortschritte der Vernunft, sich mit desto größerer Wut gegen sie auflehnte.“

Besondere Aktualität bekommt das ganze Buch durch das Vorwort des Chefredakteurs der Tageszeitung Libération Laurent Joffrin, der das Ganze in das Licht der Anschläge auf die erwähnte Satire-Zeitschrift bezieht.

An dieser Stelle könnte oder sollte man sogar einen Traktat darüber einschalten, dass man kein Wort darüber findet, wie diese islamistischen Fundamentalisten in einer so laizistischen, toleranten Gesellschaft radikalisiert worden sind. Kein Hinterfragen, ob diese Gesellschaft wirklich so tolerant ist und ob die Menschen wirklich allein von den Werten, der Freiheit und Toleranz dieser Gesellschaft abgestoßen werden. Dabei könnte man sehr gut die hysterische Reaktion der katholischen Bevölkerung von Toulouse auf den toten Protestanten sehr wohl auch mit den hysterischen Reaktion der französischen Gesellschaft auf ihre muslimischen Mitglieder vergleichen: Unterdrückt hier nicht eine tolerante Gesellschaft Menschen, indem sie ihnen vorschreibt, wie sie sich am Strand oder auf der Straße zu kleiden hat? Aber ich bin nicht in der Lage, mich darüber so differenziert zu äußern, wie es nötig wäre.

Stattdessen rege  ich mich über etwas auf, was im Vergleich dazu als Petitesse erscheint. Das Buch ist im Jahre 2015 erschienen. Man könnte nun den Verlagen unterstellen, dass sie eine Gelegenheit, ordentlich Geld zu verdienen, genutzt haben. Immerhin haben viele Buchhändler Voltaires Schrift im Januar 2015 als ihr „Je Suis Charlie“ in die Schaufenster gestellt.  Vermutlich würden die Verlage das aber als zynisch zurückweisen.

Suhrkamp jedenfalls wirft die deutsche Ausgabe im selben Jahr auf den Markt. Das Vorwort von Laurent Joffrin selbstverständlich in Übersetzung. Die Texte von Voltaire hingegen – vor „Über die Toleranz“ finden sich noch Voltaires Definition von Fanatismus und Toleranz aus „Questions sur l’encyclopedie“ – sind nicht neu übersetzt.

Wenn ich ein Werk wieder herausbringe, nicht weil es mir Geld bringt, sondern weil ich von der Aktualität des Textes überzeugt bin und weil ich wirklich will, dass große Teile der Bevölkerung diesen Text lesen, darüber nachdenken und vielleicht ein wenig besser durch den Alltag eines denkenden Individuums dieser Gesellschaft kommen. Wenn es mir also um den Text und nicht ums schnelle Geld geht, was tue ich dann: Haue ich dann einfach uralte Übersetzungen zusammen? Ändere nicht einmal die Rechtschreibung – obwohl ich glaube, dass sich Suhrkamp hier mit seiner generellen Bockigkeit, die Rechtschreibreform anzuerkennen, entschuldigen könnte – und nehme eine Text, den ein promovierter Klassischer Philologe ohne Probleme lesen, nicht aber an seine Nachbarn in Köln-Kalk verschenken kann?

Wenn ich wirklich etwas mit dieser Ausgabe hätte erreichen wollen außer schnellem Geld, hätte ich den Text, der für sich nicht sonderlich schwer ist, neu übersetzen lassen. Dann wäre er vielleicht eben erst 2016 erschienen. Dass Voltaires „Über die Toleranz“ aktuell bleibt, steht leider außer Frage. Und so ist diese Ausgabe ein Zwitterwesen: Vom Design her ein schickes Taschenbuch für die große Auslage und für die Badewanne, vom Text her sollte man schon einige deutsche Texte aus dem Ende des 18. Jahrhunderts gelesen haben.

 

Ich rege mich über Suhrkamp auf. Link mit Begründung folgt. #reading #voltaire #suhrkamp

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Anhang

Nur drei Beispiele, warum eine breite Leserschaft den Text (zu) schwierig/komisch finden wird:

„umkömmt“ und andere Forme von Komposita von „kommen“.

„Einer seiner Söhne, Mark-Anton [JA, DIE NAMEN SIND ÜBERSETZT!!1!], hatte sich auf Wissenschaften gelegt…“

„endlich“ = schließlich, nun, darauf.