Ein Eichhörnchen namens Deutschland

„Deutschland muss offener werden und schwuler. Und mutiger. Ja, viel mutiger. – Halt, Moment, vielleicht nicht schwuler. Nein. Auch nicht offener. Aber Deutschland muss definitiv mutiger … oh, ein Eichhörnchen! Guck mal, wie nett es die Walnuss frisst, die es im Herbst vergraben hat. Deutschland muss werden wie dieses Eichhörnchen: Keine Nüsse haben, aber wissen, wo man welche findet, egal, ob sie schon vergammelt sind.“

Na, frisch ist dieses Jahr auch nicht mehr!

Die Polizei hat am Silvesterabend mehrere Personen festgesetzt, die wie im Vorjahr wohl auf Stress aus waren. Genauer gesagt auf Frauenjagd. Aggressive junge Männer, überwiegend aus Nordafrika. Der Einsatz lief wohl zufriedenstellend, das heißt, er hat eine ähnliche Situation wie letztes Jahr unterbunden. Auf Kosten der Freiheit Einzelner wurde die Sicherheit Mehrerer gewährleistet. Der Einsatz (weniger) und die spätere Bezeichnung der Beteiligten als Nafris (am meisten) wurde kritisiert. Die Kritiker ihrerseits werden nun von Vielen mit Schimpf und Schande überzogen. Ich enthalte mich jeder Beurteilung und Bewertung mangels Sachwissen und Lust. Aber generell begrüße ich, dass ein Polizeieinsatz von und in der Öffentlichkeit auf den Prüfstand gestellt wird. Das Gekeife, dass man bitte mit der Diskussion aufhören müsse, dass die Polizei vorzügliche Arbeit geleistet habe und nun basta, halte ich im Jahr 2017, in dem öffentliche Diskussion, ja die Demokratie selbst auf immer wackligeren Füßen steht, für höchst bedenklich.

Zwei Höllenhunde für die Demokratie

Wie können wir ein Debakel der Demokratie, wie es die Wahl Donald Trumps nun einmal ist, in Zukunft vermeiden?

Die Frage geht an die Politik und die Medien. Jedenfalls wurden diese sehr schnell als Hauptverantwortliche, wenn nicht -schuldige erkannt.

Man ist sich relativ einig, dass die Beantwortung dieser Frage sehr schwer ist und eine Lösung des Problems in weiter Ferne scheint.

Heute stieß ich auf folgende Ansätze:

Lösung 1: Medien

Als Vertreter der Medien schlug ein Gastkommentator in der FAZ vor, dass Menschen nicht mehr wählen dürften, wenn sie nicht über eine gewisse intellektuelle Grundaustattung verfügten.

Message: „Ihr, die ihr euch abgehängt fühlt, wir nehmen euch nicht nur nicht ernst, wir entziehen euch einfach das Wahlrecht.“

 

Lösung 2: Politik

In ihrem Bestreben Politik als nicht so abgehoben, menschenfern und intrasparent begreiflich zu machen, prescht Hannelore Kraft vor:

Message: „Geht euch doch nichts an, Untertanen!“

Es ist wirklich schwer in diesen Tagen. Keiner weiß, was richtig und was falsch ist. Aber wenn sich Lösung 1 durchsetzen sollte, würden Sandro Gaycken, Hannelore Kraft und alle, die ihnen nicht geraten haben, noch einmal nachzudenken, ihr Wahlrecht verlieren.

 

UPDATE

PS: Es müsste Gnoseokratie heißen, du Dummschwätzer. γνῶσις, γνώσεως f. Fremdwörter werden aus dem GenitivStamm, der meist aus dem Genitiv oder dem Aoriststamm gebildet wird (und es gibt bestimmt noch einige Ausnahmen, aber darum geht es doch gar nicht Mensch). Wenn Klugscheißen, dann richtig.

9.11.

Kurze Version:

Ich habe Angst. Echte Angst. Angst um mein Leben und vor allem Angst um meinen dreijährigen Sohn.

Längere Version:

Mein Großvater kommt aus Thüringen und ist im Jahr 1928 geboren worden. Er erzählt wie alle Großeltern ungern vom Krieg. Eine Geschichte jedoch bekommen wir häufiger zu hören: Im Jahr 1945 sitzt er als sehr junger Mensch an der Flak und schießt einen englischen Kampfjäger ab. Der Pilot überlebt und wird gefangen genommen. Am nächsten Tag kommt die SS, um ihn abzuholen und die komplette Einheit meines Opas stellt sich vor den englischen Piloten, um ihm das Leben zu retten. Die SS-Leute wollen am nächsten Tag wiederkommen und das regeln. Die SS kommt weder am nächsten noch am übernächsten Tag, aber drei Tage nach dem Vorfall hört mein Großvater Panzer und bekommt es nun doch mit der Angst zu tun. Aber es ist nicht die SS, es sind amerikanische Panzer. In der Darstellung meines Großvaters folgt nun die Schilderung, wie wir sie schon oft gehört, gelesen und in Filmen gelesen haben: der gute Amerikaner, der Kaugummis verteilt und dem Schrecken ein Ende bereitet.

Doch in Thüringen werden die Amerikaner bald von dem Russen abgelöst. Den Russen schildert mein Opa zwar nicht durchgängig negativ („Arme Schweine eigentlich, sogar deren Autos waren alte amerikanische Kübelwagen.“), aber die Doktrin des katholisch aufgewachsenen jungen Mannes, der fünf Jahre alt war, als Hitler an die Macht kam, ist stärker: „Der Bolschewismus ist unser Untergang.“ Nach fast 10 Jahren flieht er mit seiner Familie ins Rheinland. Und lässt bis heute (naja, mal fragen, zumindest bis gestern) keinen Anti-Amerikanismus in seiner Gegenwart zu.

Ich bin der Enkel meines Großvaters, wurde katholisch erzogen und nachdem meine Eltern Anfang der 80er nach Berlin gezogen waren, war es mein Alltag, dass die Amerikaner uns vor den Russen (immerhin Plural!) beschützten. Für mich waren die Amerikaner immer die Guten. Kurz vor meiner Pubertät war ich von den USA besessen. „Ach wäre ich doch Amerikaner“, seufzte ich so manches Mal, wenn ich die Twin Towers auf Bildern oder im Film sah. Dann könnte ich durch New York laufen, auf der Golden Gate Bridge stehen und so coole Autos wie Sonny Crockett fahren. Das hat sich verwachsen und kam am 11.9. kurz als Echo zurück, als wir alle US-Bürger waren.

Heute bin ich sehr froh, kein Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika zu sein, obwohl wir gerade heute sagen müssten:

„Heute sind wir alle Amerikaner!“

Schon allein, weil dieser Irre uns mit den Codes für das Nuklear-Arsenal in der Hand hat.

Ich wünsche ihm und vor allem uns allen Berater, die ihm jeden Tag sagen: „Wenn Sie das tun, Mr. President, werden Sie den Rest ihres Lebens in einem Bunker statt in einem luxuriösen Appartement leben.“

Schlemmen mit Gerard Depardieu

Ich liebe diese Sendereihe, die momentan auf arte läuft, aber auch jederzeit im Internet abrufbar ist. Es ist Herbst und wenn ich nicht lese, schreibe oder Metal höre (Dazu doch nichts später), schaue ich, wie der Schauspieler Gerard Depardieu („Weltenbürger und Bonvivant“) mit seinem Freund, dem Koch Laurent Audiot durch den Matsch verschiedenster kulinarischer Regionen Europas stapft.

Sie lernen dort die einfachen, aber guten Zutaten regionaler Küche in grandiosen Landschaften kennen. Und treffen – ich hätte beinahe geschrieben: überfallen – dazu die Produzentinnen und Köchinnen der Gegend.

Warum ich das so gerne gucke? Zum einen die Landschaft. Wer die Sonntagsfilme im ZDF oder Tour de France wegen der Landschaft guckt, kommt hier voll auf seine Kosten. Zum anderen das Essen. Es sind immer die einfachen, aber guten Zutaten, die zu einfachen, aber köstlichen Gerichten verarbeitet werden.

Herrlich aber ist das Auftreten Depardieus: Als Bonvivant, was wohl französisch für „der Mann, der immer säuft und frisst“ ist, trampelt er in einer Art, die selbst die zurückhaltendsten Zuschauer als vollkommen geisteskrank bezeichnen müssen, durch Europa. Man kommt vor Entsetzen manchmal gar nicht dazu, etwas wie Fremdscham zu empfinden. Der Höhepunkt der Sendung sind aber die Gesichtsausdrücke der Menschen, die von Depardieu angebrüllt, umarmt und abgeküsst werden. Wie sie blicken, wenn er schwitzt, Grimassen zieht und Anekdoten erzählt, die entweder überhaupt nichts mit dem Essen zu tun haben oder nur zeigen sollen, dass er etwas besser weiß.

Schauen Sie sich das bitte an. Schöne Länder, gutes Essen und ein vollkommen gestörter Depardieu, das gibt es im Fernsehen kein zweites Mal.

Schlemmen mit Gerard Depardieu auf arte.

Meckern über Bücher II

Es ist Herbst. Das Wetter wird nasser, das Laub bunter, ich höre Black Metal (dazu später) und ich lese tolle Bücher, über die ich dann doch wieder meckern muss. Heute: Wolfgang Herrndorf, Diesseits des Van-Allen-Gürtels, rororo Taschenbuchdings, 8. Aufl. März 2015.

Ein großartiges Buch, über dessen Inhalt ich nur Elogen in höchsten Tönen von mir geben kann. Wolfgang Herrndorf als klug, witzig und stilistisch anbetungswürdig zu bezeichnen, hieße jedoch zu viele Adjektiv zu benutzen und Holz in den Wald tragen.

Worüber ich mich geärgert habe: Muss man ein so tolles Buch in eine so scheusslich billige Hülle stecken:

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Der fallende Mann in Nadelstreifenhose! Dessen Gesicht vom eigenen Arm verdeckt wird. Dieses Bild schreit so sehr nach kostenlosem Testaccount bei einem Stockfoto-Onlineanbieter, dass ich gar keine Lust habe, mich zu fragen, ob der Typ für den Inhalt noch eine Rolle spielen wird. Der Hintergrund: Wolken. Tja-ha. Total witzig. Der Mann fällt aus allen Wolken. Hihi.

Die wirkliche Beleidigung: Die weinrote Groteske für den Namen und Serifen für den Titel. Wer macht so etwas?

Jemand der schnell viel Geld machen will, aber kein ordentliches Gehalt an Menschen zahlt, die das besser könnten? (ICH könnte das besser.) Jemand, der sich dann aber hinsetzt (in Talkshows, Podiumsdiskussionen oder an Stammtische) und darüber klagt, dass keiner mehr liest, dass das E-Book ja die Literatur trivialisiere und dass das Geld ja immer knapper werde, jetzt wo die VG-Wort ja nicht mehr ungestört das Geld, das den Autoren zusteht, herüber schaufelt?

Natürlich könnte man das als „Kapitalismus, halt“ mit der Schulter weg zucken. Aber hier wird ein Kunstwerk banalisiert, für den Bücherschrank oder sogar die Mülltonne vorbestimmt. Und darüber ärgere ich mich.