Meckern über Bücher II

Es ist Herbst. Das Wetter wird nasser, das Laub bunter, ich höre Black Metal (dazu später) und ich lese tolle Bücher, über die ich dann doch wieder meckern muss. Heute: Wolfgang Herrndorf, Diesseits des Van-Allen-Gürtels, rororo Taschenbuchdings, 8. Aufl. März 2015.

Ein großartiges Buch, über dessen Inhalt ich nur Elogen in höchsten Tönen von mir geben kann. Wolfgang Herrndorf als klug, witzig und stilistisch anbetungswürdig zu bezeichnen, hieße jedoch zu viele Adjektiv zu benutzen und Holz in den Wald tragen.

Worüber ich mich geärgert habe: Muss man ein so tolles Buch in eine so scheusslich billige Hülle stecken:

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Der fallende Mann in Nadelstreifenhose! Dessen Gesicht vom eigenen Arm verdeckt wird. Dieses Bild schreit so sehr nach kostenlosem Testaccount bei einem Stockfoto-Onlineanbieter, dass ich gar keine Lust habe, mich zu fragen, ob der Typ für den Inhalt noch eine Rolle spielen wird. Der Hintergrund: Wolken. Tja-ha. Total witzig. Der Mann fällt aus allen Wolken. Hihi.

Die wirkliche Beleidigung: Die weinrote Groteske für den Namen und Serifen für den Titel. Wer macht so etwas?

Jemand der schnell viel Geld machen will, aber kein ordentliches Gehalt an Menschen zahlt, die das besser könnten? (ICH könnte das besser.) Jemand, der sich dann aber hinsetzt (in Talkshows, Podiumsdiskussionen oder an Stammtische) und darüber klagt, dass keiner mehr liest, dass das E-Book ja die Literatur trivialisiere und dass das Geld ja immer knapper werde, jetzt wo die VG-Wort ja nicht mehr ungestört das Geld, das den Autoren zusteht, herüber schaufelt?

Natürlich könnte man das als „Kapitalismus, halt“ mit der Schulter weg zucken. Aber hier wird ein Kunstwerk banalisiert, für den Bücherschrank oder sogar die Mülltonne vorbestimmt. Und darüber ärgere ich mich.

Suhrkamp und Voltaire

Ich habe gestern in einer Bahnhofsbuchhandlung ein Buch gekauft. Mit rotem Aufkleber „Der Bestseller aus Frankreich“ und mit modernem, schickem Cover. Der Text selbst ist 250 Jahre alt. Es handelt sich um Voltaires „Über die Toleranz“, eine Schrift, die nach den Anschlägen auf die Macher der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo zum Bestseller und Mahnmal gegen den islamistischen Terror geworden ist.

Voltaire schreibt über Vorgänge seiner Zeit, in denen ein hugenottischer Familienvater in Toulouse aufs Grausamste ermordet wird. Weil er Protestant ist, weil das in der Mehrheit katholische Volk meint, er habe seinen Sohn aus religiösen Gründen umgebracht, und weil dieses Volk die Richter zu einem solch bestialischen Urteil anstachelt: Der 68jährige Mann wird gefoltert, gerädert, erdrosselt und schließlich verbrannt. Dabei hatte sein Sohn für alle offensichtlich Selbstmord begangen: Die Türen waren verschlossen, es fehlten sämtliche Spuren eines Kampfes.

Voltaires Text über Fanatismus und Toleranz ist großartig und tatsächlich aktuell, vor allem dieser Satz:

„Es scheint, als ob der Fanatismus, aufgebracht über die kleinen Fortschritte der Vernunft, sich mit desto größerer Wut gegen sie auflehnte.“

Besondere Aktualität bekommt das ganze Buch durch das Vorwort des Chefredakteurs der Tageszeitung Libération Laurent Joffrin, der das Ganze in das Licht der Anschläge auf die erwähnte Satire-Zeitschrift bezieht.

An dieser Stelle könnte oder sollte man sogar einen Traktat darüber einschalten, dass man kein Wort darüber findet, wie diese islamistischen Fundamentalisten in einer so laizistischen, toleranten Gesellschaft radikalisiert worden sind. Kein Hinterfragen, ob diese Gesellschaft wirklich so tolerant ist und ob die Menschen wirklich allein von den Werten, der Freiheit und Toleranz dieser Gesellschaft abgestoßen werden. Dabei könnte man sehr gut die hysterische Reaktion der katholischen Bevölkerung von Toulouse auf den toten Protestanten sehr wohl auch mit den hysterischen Reaktion der französischen Gesellschaft auf ihre muslimischen Mitglieder vergleichen: Unterdrückt hier nicht eine tolerante Gesellschaft Menschen, indem sie ihnen vorschreibt, wie sie sich am Strand oder auf der Straße zu kleiden hat? Aber ich bin nicht in der Lage, mich darüber so differenziert zu äußern, wie es nötig wäre.

Stattdessen rege  ich mich über etwas auf, was im Vergleich dazu als Petitesse erscheint. Das Buch ist im Jahre 2015 erschienen. Man könnte nun den Verlagen unterstellen, dass sie eine Gelegenheit, ordentlich Geld zu verdienen, genutzt haben. Immerhin haben viele Buchhändler Voltaires Schrift im Januar 2015 als ihr „Je Suis Charlie“ in die Schaufenster gestellt.  Vermutlich würden die Verlage das aber als zynisch zurückweisen.

Suhrkamp jedenfalls wirft die deutsche Ausgabe im selben Jahr auf den Markt. Das Vorwort von Laurent Joffrin selbstverständlich in Übersetzung. Die Texte von Voltaire hingegen – vor „Über die Toleranz“ finden sich noch Voltaires Definition von Fanatismus und Toleranz aus „Questions sur l’encyclopedie“ – sind nicht neu übersetzt.

Wenn ich ein Werk wieder herausbringe, nicht weil es mir Geld bringt, sondern weil ich von der Aktualität des Textes überzeugt bin und weil ich wirklich will, dass große Teile der Bevölkerung diesen Text lesen, darüber nachdenken und vielleicht ein wenig besser durch den Alltag eines denkenden Individuums dieser Gesellschaft kommen. Wenn es mir also um den Text und nicht ums schnelle Geld geht, was tue ich dann: Haue ich dann einfach uralte Übersetzungen zusammen? Ändere nicht einmal die Rechtschreibung – obwohl ich glaube, dass sich Suhrkamp hier mit seiner generellen Bockigkeit, die Rechtschreibreform anzuerkennen, entschuldigen könnte – und nehme eine Text, den ein promovierter Klassischer Philologe ohne Probleme lesen, nicht aber an seine Nachbarn in Köln-Kalk verschenken kann?

Wenn ich wirklich etwas mit dieser Ausgabe hätte erreichen wollen außer schnellem Geld, hätte ich den Text, der für sich nicht sonderlich schwer ist, neu übersetzen lassen. Dann wäre er vielleicht eben erst 2016 erschienen. Dass Voltaires „Über die Toleranz“ aktuell bleibt, steht leider außer Frage. Und so ist diese Ausgabe ein Zwitterwesen: Vom Design her ein schickes Taschenbuch für die große Auslage und für die Badewanne, vom Text her sollte man schon einige deutsche Texte aus dem Ende des 18. Jahrhunderts gelesen haben.

 

 

Anhang

Nur drei Beispiele, warum eine breite Leserschaft den Text (zu) schwierig/komisch finden wird:

„umkömmt“ und andere Forme von Komposita von „kommen“.

„Einer seiner Söhne, Mark-Anton [JA, DIE NAMEN SIND ÜBERSETZT!!1!], hatte sich auf Wissenschaften gelegt…“

„endlich“ = schließlich, nun, darauf.

Link: Stevan Paul in São Paulo

Stevan Paul ist Kochbuchautor mit Blog. Ich lese ihn furchtbar gerne. Gerne, weil ich gutes Essen und Trinken liebe, obwohl ich mir für so einen schlimmenschlimmen Klischeesatz mindestens eine Hand abhacken möchte. Furchtbar, weil ich wie so viele Menschen, die gutes Essen und Trinken lieben, meistens keine Zeit, kein Geld und keinen Elan habe, richtig gutes Essen zu kaufen und herzustellen. Wenn man aber schon einmal 15 Minuten angestanden hat, um für knapp 10 Euro ein „Menü“ bei einer der großen Burger-Ketten zu kaufen, weiß man, dass Mangel an Zeit und Geld nur doofe Ausreden sind.

Stevan Paul hat vor kurzem eine kleine Serie über São Paulo veröffentlicht. Mit sehr schönen Bildern und Schilderungen von unbekannten Gerichten. Unbekannt für diejenigen, die mit Brasilien nur Caipirinha und Rodizio verbinden. Also auch für mich.

Ich persönlich finde Caipirinha völlig banal. Im besten Fall, denn mein sonst vollverzinkter Pferdemagen kann alles. Bis auf Limetten, die nicht bester Qualität sind. Dann gibt es Magenschmerzen vom feinsten. Also habe ich gelernt, Caipirinha zu meiden, was mir nicht sonderlich schwerfiel; misstraue ich doch diesem Getränk allein, weil jede Audrey und jeder Justin auf jedem kleinen Volksfest Caipirinha trinkt. Caipirinha ist sozusagen das Standardgetränk des deutschen Trägers von karierten Kurzarmhemden geworden. Der Longdrink, der wie kein anderer Socken in Sandalen verkörpert. Das Arschgeweih in der Hand. Alkoholhaltiger Nightwish-Heckscheibenaufkleber.

Wenn etwas, ein Produkt oder ein Gericht, in Deutschland vollkommen banalisiert und profanisiert wird, fährt man erstaunlicherweise immer sehr gut damit, bei der Herstellung oder Zubereitung genau das Gegenteil zu machen, was da gefordert wird. So auch bei Caipirinha: „Da muss, MUSS, crushed ice rin, nachdemde ville braunem Zucka und ne Limette (Du immer mit deinem Bio.)  zerquetscht hast. Und dann Katschacka druf. Billiger tuts auch. Zur Not nimmste Wodka.“

Insofern verwundert es mich nicht, wenn Stevan Paul schreibt:

Statt grobem, braunem Zucker wird feinster, weißer Zucker verwendet, und auch nicht so viel! Es gibt Eiswürfel ins Glas und kein Crushed Eis und so ist das ein erfrischen-belebender Longdrink von erstaunlicher Komplexität und ziemlich gutem, öhm „Trinkfluss“!

Und nun den Rest lesen. Den ersten Teil gibt es hier.

PS: Ich mag Gin and Tonic. Aber momentan wird da ein Geschisse um Monkey 47 (MUSSMUSSMUSS! Mit Tanqueray und Bombay Saphire kann man wohl nur Farbpinsel reinigen, wie man mir sagte) und Thomas Henry Tonic Water gemacht, dass mir das bald wohl auch keinen Spaß mehr machen wird.

PSS: Gerade erst gesehen. Einen kleinen Abriss aus der Geschichte „Deutschland und seine Cocktails“findet man auch bei Stevan Paul. Und zwar hier.

Winfried Kretschmann im Spiegel

Ich musste ein wenig lachen, als ich las:

In dieser Zeit sorgte Kretschmann dafür, dass ein Mitstreiter wegen „bürgerlicher Abweichungen“ aus dem KBW geworfen wurde. Anderen Linken, die sich dem KBW verweigerten, wurde in internen Papieren gedroht, sie würden „während der Revolution durch die Massen an den nächsten Baum befördert“.

„Es war ein großer Irrtum in meiner Biografie“, sagt Kretschmann auf der Rückbank seiner Dienstlimousine. „Diese gigantische Abgehobenheit, dieser Tunnelblick, diese Realitätsverweigerung!“

[…D]as hat mich von Fundamentalismus, Fanatismus und so was wirklich geheilt.“ Deshalb habe er später, wenn er es bei den Grünen mit „irgendwelchen Fundi-Geschichten“ zu tun gehabt habe, diese, „wie soll ich sagen, fast rücksichtslos bekämpft.

https://blendle.com/i/der-spiegel/winfrieds-rache/bnl-derspiegel-20160826-62895 (€)

Fundamentalismus mit Stumpf und Stiel ausrotten! Und nicht eher ruhen!

Der Atlantik in Zeiten des Wahnsinns

Am 14. Juli schlugen wir unser Zelt in Südwestfrankreich in unmittelbarer Nähe des Atlantiks auf. Am nächsten Morgen öffneten wir unsere Augen unter strahlend blauem Himmel und strahlend grünen Pinien. Laut Smartphone, das man dann doch dabei hat, ist am Abend vorher ein Wahnsinniger in eine Menschenmenge gefahren und hat viele Menschen umgebracht. Entsetzen. Frühstück. Strand.

So ging das dann weiter. Gefühlt jeden Morgen eine neue Verrücktheit. Erdogan, München, Ansbach, Würzburg und zum Schluss irgendwas in Nordfrankreich. (In der dritten Nacht ist nichts passiert, aber da bekamen wir neue Zeltnachbarn, die mit dem Saufen und Reden erst aufgehört haben, als sie bewusstlos wurden.)

Ich fand es sehr gut, über die jeweiligen Ereignisse kurz informiert zu sein, den Kopf zu schütteln und betroffen zu sein, dann aber zur Tagesordnung überzugehen, ohne mit dem ganzen Plattgewalze, der Sondersenderei und Brennpunktierung konfrontiert zu werden. Das letzte Ereignis, von dem ich auf der Rückreise erfuhr, war eben nur noch „irgendwas in Nordfrankreich.“

https://www.facebook.com/plugins/post.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fhauckundbauer%2Fposts%2F1235291699838557%3A0&width=500

Für mich ist die Eilmeldung aufs Handy ein prima Erfindung: Sie informiert mich darüber, wenn ich das Internet und den Fernseher ausgeschaltet lassen sollte. Oder wie es Lukas Heinser auf den Punkt bringt:

„Ziemlich exakt seit es mir technisch möglich wäre, mich in Echtzeit selbst über Ereignisse zu informieren, noch während sie passieren, wünsche ich mir, darüber im Geschichtsbuch lesen zu können. Mit allen Erkenntnissen, die im Laufe der Jahre gewachsen sind, mit historischer Einordnung und in genau dem Umfang, der ihnen angemessen ist: Doppelseite, halbe Seite, kleiner Kasten, Fußnote.“

(Dass ich nicht vollkommen abgestumpft und zynisch geworden bin, zeigt mir der Tod eines Bloggers, dem ich auf Twitter folgte und der mir merkwürdigerweise zuerst folgte, obwohl ich mit momentan 68 Followern gerade so über dem Eierkopfstatus rangiere; der Tod dieses Mannes hat mich wirklich getroffen. Es wäre mir in den Wochen zuvor technisch möglich gewesen, ihm eine persönliche Nachricht zu schicken: „Hey, ist bei dir alles klar? Und wenn nicht, hast du jemanden, an den du dich wenden kannst?“)

Tote (2) – „He du, die Pfanne bleibt hier!“

Als ich vor einem halben Jahr aufwachte, war es dunkel. Wie jeden Morgen blickte ich auf mein Handy, um die Uhrzeit zu erfahren. Innere Zwänge führen seit längerer Zeit dazu, dass ich immer auch noch bei Facebook nachgucke, was los ist. Es nie etwas los. Nur an diesem Morgen war etwas anders. Überall Lemmy Kilmister, der Bassist und, nunja, Sänger der Motörhead war tot. Nun jetzt doch. Bekannt dafür, dass er sich fast ausschließlich von Whiskey und Drogen ernährte und trotzdem noch lebte, war er siebzig Jahre alt geworden, sah am Ende aber aus wie mein Großvater, als er mit 89 Jahren starb. Ich wunderte mich schon sehr, für wen Lemmy immer ein Vorbild war, aber egal.

Für mich war Lemmy nie ein Vorbild. Ich fand seine Art zu leben für mich nicht praktikabel. Nach der Schule habe ich das mal sechs Wochen versucht und dachte, ich müsse sterben. Und seine Weisheiten, waren Weisheiten, aber ob sie wirklich der Weisheit entsprangen, weiß ich nicht.

Aber ich fand seine Musik immer toll. Es fing in der fünften Klasse an, dass ich mich über Europe, Bon Jovi und Aerosmith immer näher an die härtere Gangart der Gitarrenmusik herantastete. Bis mir 1989 eines Morgens Sascha eine Kassette gab. „Hier, hör mal.“ Das Cover war mit einer Comicbestie und viel Blut versehen und war irgendeine Kompilation, wie sie bestimmt nicht von der Band gutgeheißen war. Cool.

Ich hatte damals einen Walkman, der bei Woolworth 10 Mark gekostet hatte und vier Batterien auf dem Hinweg zur Schule brauchte. Insofern konnte ich die Kassette erst zuhause hören. Das erste Lied war „Bomber“. Eine Live-Version. Die Live-Version.

Puh, was war das? Rocknroll. Ja, schon. Aber, Alter. Ich war auf Knopfdruck in der Pubertät. Jedenfalls nicht mehr nur körperlich. Danach kamen ein paar nicht so tolle Alben, aber Motörhead haben mich seitdem immer und überall hin begleitet.


Gestern schaute ich Fußball. Ich und Fußball sind nicht die allerbesten Freunde. Dafür dauert mir ein Spiel einfach zu lange. Innere Zwänge führen seit längerer Zeit dazu, dass ich nebenbei immer bei Facebook oder Twitter nachgucke, was los ist. Diesmal hiess es, Bud Spencer sei tot. Meine erste Reaktion war: „Schon wieder?“ Mit dem Vermelden von dessen Tod ist nämlich in der Vergangenheit sehr oft Schindluder getrieben worden. Nachdem aber die Treffer in der Google-News-Suche immer zahlreicher wurden und auch die Eilmeldung der Tagessschau-App erschien, war es sicher: Ein weiterer Held meiner frühen Jugend ist gestorben.

Es war wieder so ein Moment, in dem man einen echten Verlust spürt. Als wäre derjenige Teil der Familie gewesen. Bud Spencer ist im Alter von 86 Jahren gestorben. In diesem Alter darf man sich schon einmal verabschieden, ich war trotzdem sehr traurig. Denn über Bud Spencer konnte ich mein gesamtes Leben lachen.

Für seinen Humor musste man kein bestimmtes Alter haben. Es war eher hinderlich, älter zu werden. So bin ich einer der wenigen in meinem Umfeld, der auch heute noch einen gelungenen Sonntag an der Bud-Spencer-Dichte im Nachmittagsprogramm misst.

Das lustige an den Filmen war wahrscheinlich die Synchronisation von Rainer Brandt und das künstliche Klatschen der Fäuste war das Geräusch meiner Kindheit. Bevor Lemmy kam.

Und die Fressszenen! Hier meine liebste aus „Das Krokodil und sein Nilpferd.“

Keiner meiner Helden ist wirklich überraschend gestorben. Insofern kann ich so manches Entsetzen nicht ganz nachvollziehen. Unsere Helden werden nun einmal alt. Meistens sind sie älter als wir und sterben eben vor uns. Vielleicht sind wir auch nur so betroffen, weil das Bewusstsein dafür stärker wird, dass wir uns auf dem Weg in die Kiste befinden. Und dass dieser Weg immer kürzer wird.


PS: À propos Helden:

Tote

In diesem Jahr häufen sich ja anscheinend (scheinbar) die Todesfälle berühmter Persönlichkeiten. Dieses Wochenende war es einmal wieder so weit:

Götz George, der in meiner Kindheit und Jugend sehr präsent war. Für mich war er der letzte Vertreter des alten West-Berlin mit seinen Speerspitzen wie Edith Hanke, Brigitte Mira, Harald Juhnke, Günter Pfitzmann, Wolfgang Gruner (hier Fadeout). Ich fand es faszinierend, was für ein Proll er sein, dann aber auch wieder sehr leise, feine Töne anschlagen konnte, so dass ich mich gestern zu diesem Tweet hinreißen ließ:

 

In den letzten Jahren habe ich ihn mehr als moralisierenden, alten Mann wahrgenommen. An dieser Karriere arbeite ich noch.

Manfred Deix. Vielleicht kennt ihn nicht jeder. Aber jeder, der einmal in Meeresnähe Urlaub gemacht hat, kennt die Deixfiguren. Und so twitterte ich dann:

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Amazon, der Höllenfürst (mindestens!)

Amazon ist böse! Das schlimmste Internet-Kaufhaus seit Goebbels!

Ich habe in der vergangenen Woche drei Dinge (Items!) bei Amazon gekauft.

  1. Eine Schallplatte, die es weder in den drei von mir geschätzten Plattenläden noch in den Vinylabteilungen von Saturn oder Mediamarkt gab.

  2. Eine Nachttischlampe, die am Montag bei Bauhaus ausverkauft war, am Donnerstag wieder da sein sollte und dann aber doch nicht mitgeliefert wurde.

  3. Ein Buch, weil der unfreundliche Buchhändler mich während seines Telefonats mit einem Duz-Freund wegen der Störung (=meine wartende Anwesenheit) böse anfunkelte. Nur weil ich eine Frage hatte.

Repeat after me: Einzelhandel kills Einzelhandel.

Bienvenue chez les Ch’tis

Der Herm und Philipp Köster waren in Lille. Fußball gucken. Was sie von dort berichten, bereitet mir körperliche Schmerzen. Ich hole aus:

Im Jahr 2013 wurde unser Sohn geboren, haben wir uns eine Wohnung gekauft und sind im Sommer zuhause geblieben. Ich hasse es, im Sommer zuhause zu bleiben. Im Jahr darauf wollte meine Frau nach Belgien oder Holland, ich an die Côte d’Azur. Da der Kleine damals noch sehr klein war, musste ein Kompromiss her:

Nord/Pas-de-Calais. Noch Flandern, aber schon Frankreich.

Genauer: Bergues. Wie sich herausstellte, handelte es sich um das Örtchen, in dem der Film „Willkommen bei den Sch’tis“ spielte und gedreht wurde. Es war großartig öde dort, das Meer war aber mit dem Auto sehr schnell zu erreichen und Tagesausflüge an die Côte d’Opal, nach Lille und Amiens machten diesen Kompromissurlaub sehr schön.

Was diesen Urlaub aber ganz besonders gemacht hat, war die Begegnung mit der Geschichte: Der nächste Strand von Bergues, das von den Deutschen zweimal zerstört wurde, befand sich in Zuydcoote. Von diesem Ort wurden während der sogenannten Schlacht von Dünkirchen im Juni 1940 die letzten englischen und französischen Truppen evakuiert. Viele kamen dabei um oder gingen in Kriegsgefangenenschaft. Danach besetzten und befestigten die Deutschen die Küste. Was man heute noch sieht:

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Foto: Matthias Schumacher. CC-BY-NC-SA
Überall trifft man in malerischer Gegend auf Beton.

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Foto: Matthias Schumacher. CC-BY-NC-SA
Und dann wird man demütig. Zwei Generationen vor mir meinten Deutsche, das Recht zu haben in Frankreich einzumarschieren, die Menschen zu vertreiben, zu versklaven oder umzubringen und um das Erreichte (pah!) zu sichern, gruben sie alles um und markierten ihr Revier mit deutschem Beton.

Beeindruckend auch der Besuch im „In Flanders‘ Fields“-Museum in Ypern. Einem Museum, das den Schrecken des Ersten Weltkriegs eindrucksvoll zu vermitteln versucht. Schlamm, Gas, Tod.

Als wir in Lille müde wurden und gegen unsere Gepflogenheiten in einem Restaurant direkt am  zentralen Platz essen wollten, wurden wir sehr, sehr nett bedient. Unser kleiner Sohn war der König, der Kellner unterhielt sich mit uns und fand es überhaupt nicht schlimm, dass meine Französisch nicht existent ist.

Dieses Lokal habe ich in den letzten Tagen in den Medien gesehen, als sogenannte Hooligans es zerlegt haben. Es bereitet mir körperliche Schmerzen, wenn meine Landsleute in einer Gegend, die mich herzlich aufgenommen hat, obwohl meine Vorfahren ihrem Land und ihren Vorfahren schlimmsten Schaden zugefügt haben, „wieder einmarschieren“. In eine Gegend, in der man die Geschichte überall vor Augen hat. Dass es keine Neonazis, sondern  besoffene Normalos gewesen sein sollen, ist einerseits unfassbar, andererseits so beschämend, dass es fast wieder egal ist.


Ich war vor ein paar Jahren in Spanien und musste in Mallorca umsteigen. Auf dem Heimflug saß ich inmitten einer Gruppe von ordentlich angetüterten Frauen mittleren Alters, die erst still wurden, als es Turbulenzen gab. Keine von den Damen hatte vorher irgendwelchen rechten Mist von sich gegeben. Sie waren zwar peinlich und laut, aber nicht böse. Muss wohl ein Männerding sein.