9.11.

Kurze Version:

Ich habe Angst. Echte Angst. Angst um mein Leben und vor allem Angst um meinen dreijährigen Sohn.

Längere Version:

Mein Großvater kommt aus Thüringen und ist im Jahr 1928 geboren worden. Er erzählt wie alle Großeltern ungern vom Krieg. Eine Geschichte jedoch bekommen wir häufiger zu hören: Im Jahr 1945 sitzt er als sehr junger Mensch an der Flak und schießt einen englischen Kampfjäger ab. Der Pilot überlebt und wird gefangen genommen. Am nächsten Tag kommt die SS, um ihn abzuholen und die komplette Einheit meines Opas stellt sich vor den englischen Piloten, um ihm das Leben zu retten. Die SS-Leute wollen am nächsten Tag wiederkommen und das regeln. Die SS kommt weder am nächsten noch am übernächsten Tag, aber drei Tage nach dem Vorfall hört mein Großvater Panzer und bekommt es nun doch mit der Angst zu tun. Aber es ist nicht die SS, es sind amerikanische Panzer. In der Darstellung meines Großvaters folgt nun die Schilderung, wie wir sie schon oft gehört, gelesen und in Filmen gelesen haben: der gute Amerikaner, der Kaugummis verteilt und dem Schrecken ein Ende bereitet.

Doch in Thüringen werden die Amerikaner bald von dem Russen abgelöst. Den Russen schildert mein Opa zwar nicht durchgängig negativ („Arme Schweine eigentlich, sogar deren Autos waren alte amerikanische Kübelwagen.“), aber die Doktrin des katholisch aufgewachsenen jungen Mannes, der fünf Jahre alt war, als Hitler an die Macht kam, ist stärker: „Der Bolschewismus ist unser Untergang.“ Nach fast 10 Jahren flieht er mit seiner Familie ins Rheinland. Und lässt bis heute (naja, mal fragen, zumindest bis gestern) keinen Anti-Amerikanismus in seiner Gegenwart zu.

Ich bin der Enkel meines Großvaters, wurde katholisch erzogen und nachdem meine Eltern Anfang der 80er nach Berlin gezogen waren, war es mein Alltag, dass die Amerikaner uns vor den Russen (immerhin Plural!) beschützten. Für mich waren die Amerikaner immer die Guten. Kurz vor meiner Pubertät war ich von den USA besessen. „Ach wäre ich doch Amerikaner“, seufzte ich so manches Mal, wenn ich die Twin Towers auf Bildern oder im Film sah. Dann könnte ich durch New York laufen, auf der Golden Gate Bridge stehen und so coole Autos wie Sonny Crockett fahren. Das hat sich verwachsen und kam am 11.9. kurz als Echo zurück, als wir alle US-Bürger waren.

Heute bin ich sehr froh, kein Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika zu sein, obwohl wir gerade heute sagen müssten:

„Heute sind wir alle Amerikaner!“

Schon allein, weil dieser Irre uns mit den Codes für das Nuklear-Arsenal in der Hand hat.

Ich wünsche ihm und vor allem uns allen Berater, die ihm jeden Tag sagen: „Wenn Sie das tun, Mr. President, werden Sie den Rest ihres Lebens in einem Bunker statt in einem luxuriösen Appartement leben.“

Schlemmen mit Gerard Depardieu

Ich liebe diese Sendereihe, die momentan auf arte läuft, aber auch jederzeit im Internet abrufbar ist. Es ist Herbst und wenn ich nicht lese, schreibe oder Metal höre (Dazu doch nichts später), schaue ich, wie der Schauspieler Gerard Depardieu („Weltenbürger und Bonvivant“) mit seinem Freund, dem Koch Laurent Audiot durch den Matsch verschiedenster kulinarischer Regionen Europas stapft.

Sie lernen dort die einfachen, aber guten Zutaten regionaler Küche in grandiosen Landschaften kennen. Und treffen – ich hätte beinahe geschrieben: überfallen – dazu die Produzentinnen und Köchinnen der Gegend.

Warum ich das so gerne gucke? Zum einen die Landschaft. Wer die Sonntagsfilme im ZDF oder Tour de France wegen der Landschaft guckt, kommt hier voll auf seine Kosten. Zum anderen das Essen. Es sind immer die einfachen, aber guten Zutaten, die zu einfachen, aber köstlichen Gerichten verarbeitet werden.

Herrlich aber ist das Auftreten Depardieus: Als Bonvivant, was wohl französisch für „der Mann, der immer säuft und frisst“ ist, trampelt er in einer Art, die selbst die zurückhaltendsten Zuschauer als vollkommen geisteskrank bezeichnen müssen, durch Europa. Man kommt vor Entsetzen manchmal gar nicht dazu, etwas wie Fremdscham zu empfinden. Der Höhepunkt der Sendung sind aber die Gesichtsausdrücke der Menschen, die von Depardieu angebrüllt, umarmt und abgeküsst werden. Wie sie blicken, wenn er schwitzt, Grimassen zieht und Anekdoten erzählt, die entweder überhaupt nichts mit dem Essen zu tun haben oder nur zeigen sollen, dass er etwas besser weiß.

Schauen Sie sich das bitte an. Schöne Länder, gutes Essen und ein vollkommen gestörter Depardieu, das gibt es im Fernsehen kein zweites Mal.

Schlemmen mit Gerard Depardieu auf arte.

Meckern über Bücher II

Es ist Herbst. Das Wetter wird nasser, das Laub bunter, ich höre Black Metal (dazu später) und ich lese tolle Bücher, über die ich dann doch wieder meckern muss. Heute: Wolfgang Herrndorf, Diesseits des Van-Allen-Gürtels, rororo Taschenbuchdings, 8. Aufl. März 2015.

Ein großartiges Buch, über dessen Inhalt ich nur Elogen in höchsten Tönen von mir geben kann. Wolfgang Herrndorf als klug, witzig und stilistisch anbetungswürdig zu bezeichnen, hieße jedoch zu viele Adjektiv zu benutzen und Holz in den Wald tragen.

Worüber ich mich geärgert habe: Muss man ein so tolles Buch in eine so scheusslich billige Hülle stecken:

#reading

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Der fallende Mann in Nadelstreifenhose! Dessen Gesicht vom eigenen Arm verdeckt wird. Dieses Bild schreit so sehr nach kostenlosem Testaccount bei einem Stockfoto-Onlineanbieter, dass ich gar keine Lust habe, mich zu fragen, ob der Typ für den Inhalt noch eine Rolle spielen wird. Der Hintergrund: Wolken. Tja-ha. Total witzig. Der Mann fällt aus allen Wolken. Hihi.

Die wirkliche Beleidigung: Die weinrote Groteske für den Namen und Serifen für den Titel. Wer macht so etwas?

Jemand der schnell viel Geld machen will, aber kein ordentliches Gehalt an Menschen zahlt, die das besser könnten? (ICH könnte das besser.) Jemand, der sich dann aber hinsetzt (in Talkshows, Podiumsdiskussionen oder an Stammtische) und darüber klagt, dass keiner mehr liest, dass das E-Book ja die Literatur trivialisiere und dass das Geld ja immer knapper werde, jetzt wo die VG-Wort ja nicht mehr ungestört das Geld, das den Autoren zusteht, herüber schaufelt?

Natürlich könnte man das als „Kapitalismus, halt“ mit der Schulter weg zucken. Aber hier wird ein Kunstwerk banalisiert, für den Bücherschrank oder sogar die Mülltonne vorbestimmt. Und darüber ärgere ich mich.

Suhrkamp und Voltaire

Ich habe gestern in einer Bahnhofsbuchhandlung ein Buch gekauft. Mit rotem Aufkleber „Der Bestseller aus Frankreich“ und mit modernem, schickem Cover. Der Text selbst ist 250 Jahre alt. Es handelt sich um Voltaires „Über die Toleranz“, eine Schrift, die nach den Anschlägen auf die Macher der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo zum Bestseller und Mahnmal gegen den islamistischen Terror geworden ist.

Voltaire schreibt über Vorgänge seiner Zeit, in denen ein hugenottischer Familienvater in Toulouse aufs Grausamste ermordet wird. Weil er Protestant ist, weil das in der Mehrheit katholische Volk meint, er habe seinen Sohn aus religiösen Gründen umgebracht, und weil dieses Volk die Richter zu einem solch bestialischen Urteil anstachelt: Der 68jährige Mann wird gefoltert, gerädert, erdrosselt und schließlich verbrannt. Dabei hatte sein Sohn für alle offensichtlich Selbstmord begangen: Die Türen waren verschlossen, es fehlten sämtliche Spuren eines Kampfes.

Voltaires Text über Fanatismus und Toleranz ist großartig und tatsächlich aktuell, vor allem dieser Satz:

„Es scheint, als ob der Fanatismus, aufgebracht über die kleinen Fortschritte der Vernunft, sich mit desto größerer Wut gegen sie auflehnte.“

Besondere Aktualität bekommt das ganze Buch durch das Vorwort des Chefredakteurs der Tageszeitung Libération Laurent Joffrin, der das Ganze in das Licht der Anschläge auf die erwähnte Satire-Zeitschrift bezieht.

An dieser Stelle könnte oder sollte man sogar einen Traktat darüber einschalten, dass man kein Wort darüber findet, wie diese islamistischen Fundamentalisten in einer so laizistischen, toleranten Gesellschaft radikalisiert worden sind. Kein Hinterfragen, ob diese Gesellschaft wirklich so tolerant ist und ob die Menschen wirklich allein von den Werten, der Freiheit und Toleranz dieser Gesellschaft abgestoßen werden. Dabei könnte man sehr gut die hysterische Reaktion der katholischen Bevölkerung von Toulouse auf den toten Protestanten sehr wohl auch mit den hysterischen Reaktion der französischen Gesellschaft auf ihre muslimischen Mitglieder vergleichen: Unterdrückt hier nicht eine tolerante Gesellschaft Menschen, indem sie ihnen vorschreibt, wie sie sich am Strand oder auf der Straße zu kleiden hat? Aber ich bin nicht in der Lage, mich darüber so differenziert zu äußern, wie es nötig wäre.

Stattdessen rege  ich mich über etwas auf, was im Vergleich dazu als Petitesse erscheint. Das Buch ist im Jahre 2015 erschienen. Man könnte nun den Verlagen unterstellen, dass sie eine Gelegenheit, ordentlich Geld zu verdienen, genutzt haben. Immerhin haben viele Buchhändler Voltaires Schrift im Januar 2015 als ihr „Je Suis Charlie“ in die Schaufenster gestellt.  Vermutlich würden die Verlage das aber als zynisch zurückweisen.

Suhrkamp jedenfalls wirft die deutsche Ausgabe im selben Jahr auf den Markt. Das Vorwort von Laurent Joffrin selbstverständlich in Übersetzung. Die Texte von Voltaire hingegen – vor „Über die Toleranz“ finden sich noch Voltaires Definition von Fanatismus und Toleranz aus „Questions sur l’encyclopedie“ – sind nicht neu übersetzt.

Wenn ich ein Werk wieder herausbringe, nicht weil es mir Geld bringt, sondern weil ich von der Aktualität des Textes überzeugt bin und weil ich wirklich will, dass große Teile der Bevölkerung diesen Text lesen, darüber nachdenken und vielleicht ein wenig besser durch den Alltag eines denkenden Individuums dieser Gesellschaft kommen. Wenn es mir also um den Text und nicht ums schnelle Geld geht, was tue ich dann: Haue ich dann einfach uralte Übersetzungen zusammen? Ändere nicht einmal die Rechtschreibung – obwohl ich glaube, dass sich Suhrkamp hier mit seiner generellen Bockigkeit, die Rechtschreibreform anzuerkennen, entschuldigen könnte – und nehme eine Text, den ein promovierter Klassischer Philologe ohne Probleme lesen, nicht aber an seine Nachbarn in Köln-Kalk verschenken kann?

Wenn ich wirklich etwas mit dieser Ausgabe hätte erreichen wollen außer schnellem Geld, hätte ich den Text, der für sich nicht sonderlich schwer ist, neu übersetzen lassen. Dann wäre er vielleicht eben erst 2016 erschienen. Dass Voltaires „Über die Toleranz“ aktuell bleibt, steht leider außer Frage. Und so ist diese Ausgabe ein Zwitterwesen: Vom Design her ein schickes Taschenbuch für die große Auslage und für die Badewanne, vom Text her sollte man schon einige deutsche Texte aus dem Ende des 18. Jahrhunderts gelesen haben.

 

Ich rege mich über Suhrkamp auf. Link mit Begründung folgt. #reading #voltaire #suhrkamp

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Anhang

Nur drei Beispiele, warum eine breite Leserschaft den Text (zu) schwierig/komisch finden wird:

„umkömmt“ und andere Forme von Komposita von „kommen“.

„Einer seiner Söhne, Mark-Anton [JA, DIE NAMEN SIND ÜBERSETZT!!1!], hatte sich auf Wissenschaften gelegt…“

„endlich“ = schließlich, nun, darauf.

Link: Stevan Paul in São Paulo

Stevan Paul ist Kochbuchautor mit Blog. Ich lese ihn furchtbar gerne. Gerne, weil ich gutes Essen und Trinken liebe, obwohl ich mir für so einen schlimmenschlimmen Klischeesatz mindestens eine Hand abhacken möchte. Furchtbar, weil ich wie so viele Menschen, die gutes Essen und Trinken lieben, meistens keine Zeit, kein Geld und keinen Elan habe, richtig gutes Essen zu kaufen und herzustellen. Wenn man aber schon einmal 15 Minuten angestanden hat, um für knapp 10 Euro ein „Menü“ bei einer der großen Burger-Ketten zu kaufen, weiß man, dass Mangel an Zeit und Geld nur doofe Ausreden sind.

Stevan Paul hat vor kurzem eine kleine Serie über São Paulo veröffentlicht. Mit sehr schönen Bildern und Schilderungen von unbekannten Gerichten. Unbekannt für diejenigen, die mit Brasilien nur Caipirinha und Rodizio verbinden. Also auch für mich.

Ich persönlich finde Caipirinha völlig banal. Im besten Fall, denn mein sonst vollverzinkter Pferdemagen kann alles. Bis auf Limetten, die nicht bester Qualität sind. Dann gibt es Magenschmerzen vom feinsten. Also habe ich gelernt, Caipirinha zu meiden, was mir nicht sonderlich schwerfiel; misstraue ich doch diesem Getränk allein, weil jede Audrey und jeder Justin auf jedem kleinen Volksfest Caipirinha trinkt. Caipirinha ist sozusagen das Standardgetränk des deutschen Trägers von karierten Kurzarmhemden geworden. Der Longdrink, der wie kein anderer Socken in Sandalen verkörpert. Das Arschgeweih in der Hand. Alkoholhaltiger Nightwish-Heckscheibenaufkleber.

Wenn etwas, ein Produkt oder ein Gericht, in Deutschland vollkommen banalisiert und profanisiert wird, fährt man erstaunlicherweise immer sehr gut damit, bei der Herstellung oder Zubereitung genau das Gegenteil zu machen, was da gefordert wird. So auch bei Caipirinha: „Da muss, MUSS, crushed ice rin, nachdemde ville braunem Zucka und ne Limette (Du immer mit deinem Bio.)  zerquetscht hast. Und dann Katschacka druf. Billiger tuts auch. Zur Not nimmste Wodka.“

Insofern verwundert es mich nicht, wenn Stevan Paul schreibt:

Statt grobem, braunem Zucker wird feinster, weißer Zucker verwendet, und auch nicht so viel! Es gibt Eiswürfel ins Glas und kein Crushed Eis und so ist das ein erfrischen-belebender Longdrink von erstaunlicher Komplexität und ziemlich gutem, öhm „Trinkfluss“!

Und nun den Rest lesen. Den ersten Teil gibt es hier.

PS: Ich mag Gin and Tonic. Aber momentan wird da ein Geschisse um Monkey 47 (MUSSMUSSMUSS! Mit Tanqueray und Bombay Saphire kann man wohl nur Farbpinsel reinigen, wie man mir sagte) und Thomas Henry Tonic Water gemacht, dass mir das bald wohl auch keinen Spaß mehr machen wird.

PSS: Gerade erst gesehen. Einen kleinen Abriss aus der Geschichte „Deutschland und seine Cocktails“findet man auch bei Stevan Paul. Und zwar hier.

Winfried Kretschmann im Spiegel

Ich musste ein wenig lachen, als ich las:

In dieser Zeit sorgte Kretschmann dafür, dass ein Mitstreiter wegen „bürgerlicher Abweichungen“ aus dem KBW geworfen wurde. Anderen Linken, die sich dem KBW verweigerten, wurde in internen Papieren gedroht, sie würden „während der Revolution durch die Massen an den nächsten Baum befördert“.

„Es war ein großer Irrtum in meiner Biografie“, sagt Kretschmann auf der Rückbank seiner Dienstlimousine. „Diese gigantische Abgehobenheit, dieser Tunnelblick, diese Realitätsverweigerung!“

[…D]as hat mich von Fundamentalismus, Fanatismus und so was wirklich geheilt.“ Deshalb habe er später, wenn er es bei den Grünen mit „irgendwelchen Fundi-Geschichten“ zu tun gehabt habe, diese, „wie soll ich sagen, fast rücksichtslos bekämpft.

https://blendle.com/i/der-spiegel/winfrieds-rache/bnl-derspiegel-20160826-62895 (€)

Fundamentalismus mit Stumpf und Stiel ausrotten! Und nicht eher ruhen!